Fünf Todsünden beim Keyboard lernen 
von Bernd G S. - Donnerstag, 21 September 2006, 18:13
Keine Sorge - dies wird keine katechistische Abhandlung. Ich fand aber diesen Titel einfach zu passend, um auf ihn zu verzichten. Die Todsünden nach dem Katechismus, sind ja selbst im engeren Sinne gar keine Sünden, sondern es sind Charaktereigenschaften die zur Sünde führen. Wenn wir die Sünde nun mit "du sollst nicht..." definieren, schliesst sich der Kreis ganz schnell zu dem, was ich Dir mit diesem Beitrag sagen will. Jede einzelne, der im folgenden genannten Eigenschaften, führt unweigerlich dazu etwas zu tun, was man beim Keyboard spielen einfach "nicht tun soll". Also SÜNDE!

Ungeduld: ist der ärgste Feind beim Keyboard lernen. In meiner langjährigen Erfahrung als Keyboardlehrer habe ich durch nichts mehr Keyboardschüler scheitern sehen, als durch Ungeduld. Wer ungeduldig ist lernt nicht, weil er seine Gedanken schon weit in der Zukunft hat. Der Fokus liegt auf dem, was man können möchte, aber nicht auf dem, was man erst können muss, um das Künftige überhaupt lernen zu können. Einfacher ausgedrückt: Wer laufen will, bevor er das krabbeln gelernt hat, fällt auf die Nase!

Eitelkeit: ist die tragischte aller Tugenden die man haben kann beim Keyboard lernen. "Hänschen klein" nicht lernen zu wollen, weil man es als lächerlich empfindet, ist mit das dümmste, was ein Keyboardlehrer erleben kann. Warum? Na ganz einfach: weil es dem Schüler sehr wohl bewusst ist, dass er zuerst "Hänschen klein" lernen muss, bevor er "Knocking On Heaven's Door" lernen kann. Er sorgt sich darum, was andere sagen, wenn er "Hänschen klein" spielt. Ich würde erwidern: "Spiel mir Hänschen klein auf dem Keyboard vor, dann weiss ich, dass Du es auch mal gelernt haben musst. Wenn Du es nicht spielen kannst, solltest Du dringend Keyboardunterricht nehmen"!

Trägheit: ist kein spezifisches Problem beim Keyboard lernen. Vielmehr ist es ein Problem der Gravitation. Wer sich auf dieser Welt nicht selbst bewegt, bleibt auf der Stelle. Dann ärgerlich, wenn´s die heimische Couch ist. Man kann sich darüber streiten, ob man sich lieber mir ca. 1.640 km/h auf ner Couch oder auf einem Keyboardstuhl durchs Universum bewegt. Eines ist aber sicher! Der Effekt von bewegten Fingern auf einer Keyboardtastaur ist wesentlich beeindruckender, als derselben auf einer Fernbedienung eines Fernsehers! "Wollen täten würd ich schon, wenn das Wollen sollen nicht sein müsste"!

Selbsttäuschung: ist ein witziges Phänomen beim Keyboard lernen. Wenn der Schüler meint er spiele etwas richtig gut, während der Keyboardlehrer schon beinahe grün anläuft, ist keine Seltenheit. Ich selbst hatte eine Phase der Selbsttäuschung. In meinen Anfängen als Keyboarder, so mit 12 bis 14 Jahren, war mein großes Vorbild "Franz Lambert". Ich wollte alles spielen was er spielt. Tico Tico, Amorada, Zirkus Renz, Hummelflug....... alles sehr virtuose Stücke. Irgendwie quetschte ich auch alles so hin, dass es sich so ähnlich anhörte (soll heissen: ich spielte alles so extrem schnell, dass keine einzelne Töne mehr zu höre waren). Das gemeine Volk war begeistert über den "Kinderstar". Bis eines Tages ein anderer Musiker mich mal ganz offen fragte, was ich da so zusammen murksen würde. Ein heilsamer Schock! Mir war klar, dass ich noch einiges zu tun hatte, um richtig Keyboard (damals Orgel) zu lernen. Ich begriff: auf Dauer täuschen kann man nur sich selbst. Andere kommen früher oder später dahinter! Heute kann ich alle der genannten Stücke sowohl extrem langsam, als auch extrem schnell spielen. Ein Indiz dafür, dass ich wirklich Keyboard spielen gelernt habe!

Selbstzweifel: sind verhängnisvoll beim Keyboard lernen. Ich hatte schon Schüler die spielten einfach klasse. Nur waren sie sich darüber nicht bewusst. Sie waren als Schüler der strengere Richter über ihr Keyboardspiel, als ich es als Lehrer war. Dies führt über kurz oder lang dazu, dass ein wirkliches Talent aufhört Keyboard zu lernen. Und das ist sehr schade. Da nützt es auch nichts, wenn der Lehrer bestätigt, dass alles ganz prima läuft. Nein! Solche Schüler sind davon überzeugt, dass sie schlecht spielen. Was kann man dagegen tun? Als Keyboardlehrer habe ich gegen solche Fälle alles Versucht. Ich habe "schlechte" und "gute" Schüler zusammen gebracht, in der Hoffnung, die Guten würden einsehen, dass sie GUT sind. Ich hatte sie CDs aufnehmen lassen, in der Hoffnung sie würden dann selbst hören, wie gut sie spielen. Hat alles nichts gebracht. Dann schickte ich sie vor Publikum. Dies hat Wunder bewirkt! Der kalte Schauer, der einem über den Rücken läuft, wenn 100, 500 oder gar mehr Leute einem zuhören, kann wirklich Dämme brechen. Bevor Du also drohst am Keyboard lernen zu verzeifeln, fasse Dir ein Herz und suche eine Gelegenheit vor Publikum zu spielen. Eine Familienfeier, ein Vereinsfest oder bei der nächsten Gartenparty. Gelegenheiten gibt es eigentlich genug. Du musst Dich nur trauen!

In diesem Sinne!

Bernd
Re: Fünf Todsünden beim Keyboard lernen 
von reiner l. - Mittwoch, 7 Juli 2010, 17:36
habe gerade die fünf todsünden gelesen,finde ich sau gut
vieles trifft bei mir zu
habe vor ca zwei jahren begonnen mit den lernheften v kol Benthien bin bis heft drei gekommen,paralell habe ich mich bei dir eingetragen

seit acht wochen habe keyb zur seite gestellt gefrustet
habe schon zig mal zb Schneewalzer gespielt und bringe es immer noch nicht ohne fehler hin
weiss nicht ob ich noten spielen oder die schritte auswendig lerne  ????
viele grüsse reiner
Re: Fünf Todsünden beim Keyboard lernen 
von Bernd G S. - Donnerstag, 8 Juli 2010, 13:06
Oh weh Reiner,

das hört sich wirklich gefrustet an. Einfach so kann ich dein Problem natürlich nicht analysieren. Ich kann dir lediglich anbieten, mein Angebot in der Onlinehilfe wahr zu nehmen, und mir mal ein Video von deinem Spiel zu schicken.

Oder, weil wir ja wirklich nicht allzu weit voneinander weg sind, könnten wir einmal einen Termin vereinbaren, dann würde ich zu dir kommen, und mir vor Ort ein Bild machen. Solltest du dies wünschen, sollten wir das aber persönlich per Email verhandeln.

Gruß Bernd
Re: Fünf Todsünden beim Keyboard lernen 
von Hans R. - Donnerstag, 8 Juli 2010, 14:39
Hallo Reiner,

wg. Schneewalzer, nur so als Trost:

ich mache die Schule jetzt ungefähr 5 Monate und bin auch gerade beim Schneewalzer.
Das ist für meine Begriffe bislang das komplexeste Stück in Bernds Schule.
Ich träume gerade vom Schneewalzer, denn ich übe den seit einer Woche jeden Tag eine Stunde ausser Sonntag. ( Allerdings zusammen mit "O when the Saints..." )
Die Knackpunkte bei mir:
2, Zeile, 6. bis 8. Takt. Hier muss man ja von Finger 5 bis 3 in "Doppelschritten" zurückgreifen. Gleichzeitig sind drei Akkordwechsel zu bewerkstelligen.
Das ist nicht einfach, aber irgendwann kapiert man es, glaub`s mir!

Der zweite Knackpunkt ist Zeile 5, 3. und 4. Takt.
Da muss man von c (Finger 3) runter auf e (Finger 1).Das schaffe ich bis jetzt nicht blind, ich muss kurz auf die Tastatur schauen und gucken, wo das e ist. Und dann muss man zusätzlich e-g-c mit Finger 1-2-4 wieder Tasten "überspringen".
Aber das wird auch langsam besser.

Also: der Weg ist das Ziel. Bernds Kurs funktioniert. Du darfst nur nicht nachlassen.

Gruss Hans
Re: Fünf Todsünden beim Keyboard lernen 
von Achim D. - Donnerstag, 8 Juli 2010, 23:48

Hallo Reiner,

manchmal ist es besser ein Stück liegen zu lassen und mit den nächsten fortzufahren. Mit dem Schneewalzer ist es mir ähnlich ergangen. Hatte auch meine liebe Mühe ihn zu spielen. Die Geschwindigkeit ist für einen Anfänger doch recht hoch.

Es hat anfangs auch nicht so recht funktioniert, habe mich dadurch aber nicht beeindrucken lassen und einfach weiter gemacht. Später, ich hatte den Benthien-Band (ich denke, es war das 2. Heft) fast durch, habe ich mir den Schneewalzer nochmal vorgenommen und siehe da, es gab kein Problem mehr.

Immer auf derselben Stelle zu treten ist nicht produktiv. Der Blick sollte nach vorne gerichtet sein, sonst kommt man nicht weiter!

"... Schritte auswendig lerne..." ja, da schreibst du was! Das gleiche Erlebnis hatte ich damals beim Keyboard und heute beim Kavier:  Ich spiele Lieder auf dem Klavier, die ich schon gelernt habe und recht gut kann, gucke die ganze Zeit auf die Noten und die Finger laufen einfach weg (sind schneller als die Augen), bis ich nicht weiter weiß und bleibe mitten im Stück hängen.

Oder meine linke Hand erwischt immer die linke, rechte Note neben der gewünschten. Lustigerweise passiert das der rechten Hand seltener. Aber die ist halt durch das Keyboardspiel viel besser trainiert, lässt sich eher durch die linke Hand verunsichern.

Aber ist das Auswendigspielen nicht ein nützlicher, gewollter Effekt? Ich denke, das Notenlesen (die Synchronisation Hände/Augen) kommt durch Übung irgendwann von selbst. Und auch die Treffsicherheit der Finger wird mit der Zeit immer besser werden.

Hoffe, es hilft Dir.

Gruß
Achim