Elektronisches Keyboard - ein Instrument zweiter Klasse? 
von Bernd G S. - Freitag, 18 August 2006, 19:21
Wer sich für das Erlernen des elektronischen Keyboards, also das Keyboard welches neudeutsch "Entertainer Keyboard" genannt wird, interessiert, und sich in einschlägigen Foren umschaut, liest häufig darüber, die Finger vom Keyboard zu lassen und besser Klavier zu lernen. Wer Klavier spielen könne, könne auch Keyboard spielen; wer Keyboard spielen kann noch lange nicht Klavier. Stimmt das?

Ja, es stimmt!

Trotzdem käme niemand auf die Idee jemandem der Autofahren lernen will zu empfehlen, er solle lieber eine Formel-1-Lizenz erwerben. Jeder der ein Formel-1-Auto steuern kann, kann schliesslich auch ein Strassenauto fahren. Andersrum nicht.

Die Damen und Herren (komischerweise hauptsächlich Herren) welche dies behaupten, scheinen eines zu verkennen. Ein Musikinstrument zu erlernen hat nichts - zumindest meistens nicht - mit Leistung zu tun! Es gibt Menschen, die einfach nur Spass am Musizieren haben wollen. So wird in diesen erwähnten Foren beispielsweise argumentiert, wenn ein Kind Keyboard lernen, und sich später für ein Musikstudium entschliessen würde, es eindeutig benachteiligt wäre (Klavier spielen ist quasi ein Muss fürs Musikstudium). Entschuldigung! Wäre es dann nicht auch sinnvoll dem Kind vorsorglich ein Arztbesteck zu kaufen? Es könnte ja mal Medizin studieren wollen!

Um das ganze nicht ins Lächerliche zu ziehen - natürlich ist das Klavier das anspruchsvollere Instrument! Jeder der gerne Klavier spielen können möchte, soll Klavier spielen lernen. Es gibt aber auch die 14-jährigen, die einfach nur den neuesten Hit zum Besten bringen wollen, ohne daran zu denken vielleicht einmal Musik zu studieren. Und es gibt die 65-jährigen, die ihr Leben lang davon geträumt haben im Alter ein Instrument zu erlernen. Auch die werden in den seltensten Fällen noch ein Musikstudium beginnen! Musizieren ist kein Wettbewerb. Auch wenn uns heutezutage die Medien glauben lassen wollen, dass nur der Grösste, die Schönste, das Beste etwas zählt. Mag sein, dass Deutschland einen Superstar sucht. Der "Durchschnittsmensch" sucht einfach nur Zerstreuung und Spass. Und genau dies bietet ein schneller und leichter zu erlernendes Instrument wie das Keyboard doch eher, als sich mit endlosen Etüden und Tonleiterübungen am Klavier abzuplagen. Um das nocheinmal deutlich zu machen! Ich will niemanden davon abbringen Klavier zu lernen, wenn er/sie das wirklich möchte. Aber genausowenig sollten irgendwelche selbsternannten Klaviervirtuosen es anderen Leuten abspenstig machen, einfach nur Spass zu haben.

Da ich selbst beides, also Klavier und Keyboard (ursprünglich Orgel) spiele und unterrichte, erlaube ich mir folgendes anzumerken. Wer als abwertendes Beispiel fürs Keyboard spielen den Alleinunterhalter anführt, der sich ein Midifile läd, vielleicht zwei drei Tasten selbst drückt und dazu singt, hat sicherlich recht. Aber das ist nicht Keyboard spielen - das ist Playback mit Tarnung! Ich glaube allerdings auch nicht, dass die Mehrzahl der Keyboardschüler derartiges beabsichtigt. Seriös Keyboard spielen zu können heisst für mich, auch aus einem einfachen Instrument ohne viel technischen Schnick-Schnack etwas herauszuholen. Dafür muss man mit beiden Händen arbeiten, sicher spielen können, während des Spiels Schalter für Fill-Ins oder Registration bedienen, mit der Anschlagdynamik umgehen können um Instrumente realistisch zu simulieren, möglicherweise mit dem Fuss noch ein Sustainpedal bedienen und nebenbei noch hundertprozentig den Rhytmus halten. Ich finde das alles andere als anspruchslos!

Ich kann nur jedem raten, genau das Instrument zu lernen was er/sie lernen möchte. Wer sich in diesem Fall gegen seinen eigenen Willen beeinflussen lässt, wird in den seltensten Fällen glücklich, und es endet damit, dass das Instrument letztlich in einer Ecke vergammelt. Ein Schicksal welches ich weder einem Klavier noch einem Keyboard zumuten möchte.

In diesem Sinne!
Re: Elektronisches Keyboard - ein Instrument zweiter Klasse? 
von Uwe B. - Samstag, 26 August 2006, 20:17

Da sprichst Du mir aus der Seele. Mich nervt das auch, daß immer so getan wird als sei Keyboard spielen nichts wert. Ich tu mir schon schwer genug Keyboard zu lernen. Mag mir gar nicht ausdenken wie es wär wenn ich Klavier lernen würde. Dann hätte ich sicher schon längst aufgehört.

Ich bin auch in den genannten Foren unterwegs. Komischerweise kommt immer die gleiche Antwort wenn man fragt warum Klavier besser wäre. Wegen der linken Hand und dem Anschlag. Ich finde man sollte beide Instrumente unterscheiden. Klavier ist Klavier und Keyboard ist Keyboard. Da soll man kein so tam tam drum machen.

Ich bin froh daß ich Keyboard lerne. Finde übrigens deine Keyboardschule echt klasse. Mir macht das total Spaß. Und wie du sagst soll Klavier spielen wer Klavier spielen möchte. Und Keyboard wer Keyboard spielen möchte. Mir würde gefallen wenn andere nicht ständig versuchen würden andere zu bekehren. Nicht nur bei diesem Thema. Auch bei anderen Dingen. Soll doch jeder tun was er für richtig findet. Servus und weiter so.

Re: Elektronisches Keyboard - ein Instrument zweiter Klasse? 
von Achim D. - Sonntag, 27 August 2006, 14:28
Bei den Foren darf man nie vergessen, wer sich dort rumtreibt. Ich denke, meistens sind es Kinder, die ihr Halbwissen unbedingt preisgeben möchten. Aus diesem Grund schreibe ich schon lange nichts mehr in die genannten Foren. Anfangs habe ich mich auch darüber geärgert. Aber mittlerweile sehe ich das alles ganz gelassen.

Also, nicht ärgern, sondern sich am Keyboard erfreuen und coole Musik spielen... lächelnd
Re: Elektronisches Keyboard - ein Instrument zweiter Klasse? 
von Kyouri S. - Sonntag, 22 Juni 2008, 20:35
Nun, ich sehe es so:

Ein Bass ist wie eine Gitarre für Blöde.
Ich bin stolz darauf das Klavier für Blöde zu spielen^^

Nein aber im Ernst: Auf einen Bass kann kaum eine Band verzichten. Und viele Bands brauchen nunmal ein Keyboard. Stellt euch mal Linkin Park mit Klavier/Flügel vor *sich bei der Vorstellung schlapp lachen muss*

In mache Songs passt halt dies, in andere dies besser.

Der Klang ist IMMER nur ähnlich, nie gleich. Von daher sehe ich das Keyboard genau wie den Bass (wieso meckert keiner über Bass^^) als ein Instrument für sich an.
Re: Elektronisches Keyboard - ein Instrument zweiter Klasse? 
von Jürgen S. - Mittwoch, 9 Juli 2008, 08:02

Neben dem "mit 2 Händen spielen usw." muss man auch beim Keyboard (so wie es hier gelehrt wird) Noten lesen können. Und auch das ist alles andere als anspruchslos.

 

Re: Elektronisches Keyboard - ein Instrument zweiter Klasse? 
von Gudrun S. - Mittwoch, 23 Juli 2008, 01:34
Notenlesen können sollte man doch eigentlich auch bei allen anderen Instrumenten, sonst bringt`s nichts. Es sei denn man spielt was, was ich auch des öfteren mal tue, auswendig aus dem Kopf.
Re: Elektronisches Keyboard - ein Instrument zweiter Klasse? 
von Karl-Heinz A. - Dienstag, 20 Januar 2009, 17:08
Guten Tag euch allen bin der Karlo und neu hier auf den Board also mir ist es wichtig das ich das Casio lk110 erst einmal spielen lerne und dann sehen wir weiter. Klavier sicher ne feine Sache aber das entscheidet sich sicher denn erst wenn man erstmal mit den Instrument umgehen kann Was für mich noch in weiter ferne liegt lächeln bin 53 Jahre und ich suche mir damit ein ausgleich und Musik ist doch das schönste Hobby der Weld oder gleich nach meinen Bienen bin ja Imker 
Re: Elektronisches Keyboard - ein Instrument zweiter Klasse? 
von PeeHa B. - Samstag, 28 Februar 2009, 16:31
Hallo,

ich denke, es hat auch viel damit zu tun, dass es neue Instrumente und Instrumentengattungen immer schwer hatten und haben. Als das (Hammer-)Klavier vor ziemlich genau 300 Jahren aufkam, reagierten die Cembalisten genauso arrogant und überheblich darauf wie heute die Pianisten auf die Keyboarder reagieren. Ich denke, in 50 oder 100 Jahren wird das Keyboard genauso anerkannt sein wie heute das Klavier. Ob es dann das Klavier noch geben wird, wird sich zeigen winken

Lieben Gruss

PeeHa
Re: Elektronisches Keyboard - ein Instrument zweiter Klasse? 
von Christian K. - Dienstag, 8 Mai 2012, 12:33
Glückwunsch zu diesem Beitrag. Ganz meine Meinung und meine Erfahrung.

Ich hatte Anfang/Mitte der 90er Jahre als Jugendlicher über vier Jahre hinweg Unterricht auf einem elektronischen Keyboard. Man, was war ich Stolz auf mein Yamaha PSR-210! Damit habe ich oft mehrere Stunden am Tag verbracht und jede Minute war es wert.
Aber: Ich musste mich regelrecht dafür rechtfertigen, eben Keyboard und nicht Klavier zu lernen! Viele wollten sogar gar nicht glauben, dass es dafür überhaupt Unterricht gab.
Den Gab es, und zwar bei einem Lehrer, vor dem ich bis heute Hochachtung habe, als Lehrer, als Musiker und als Mensch. Im Unterricht ging es auch um das Improvisieren über Akkorde, um selbst gespielte Bassstimmen ohne die Automatik und um eigene kleine Kompositionen. Man kann mit dem Keyboard auch viel über Musik lernen und über ein Gefühl für verschiedene Stile entwickeln.

Dann kam ein Umzug und ein Defekt am Keyboard und als Student konnte ich mir kein neues leisten. So geriet das Thema für mich über viele Jahre (leider!) in Vergessenheit.

Ich habe jetzt wieder angefangen, vor kurzem habe ich mir ein Roland BK-5 angeschafft. Einige Stücke konnte ich noch immer auswendig und kurz später habe ich mir ein Songbuch für den "Nachschub" geholt.

Ich finde erschreckend, dass die Ablehnung gegenüber dem Keyboard noch heute so weit verbreitet ist, wie vor fast 20 Jahren. Für mich ist der Wiedereinstieg eine tolle Erfahrung. Schon nach kurzer Übung hatte ich mit dem BK-5 einen Sound, von dem ich früher nur Träumen konnte. Ich kann nur jedem Skeptiker raten, mal ein modernes Keyboard auszuprobieren - und dabei auch mal über die "Spielwarenabteilung" hinaus zu blicken. Im Vergleich zu einem Klavier sind ja auch sehr gute Keyboards richtig "günstig".

Mir ist aber noch etwas aufgefallen: In den 90er Jahren gab es Keyboards, und zwar auch schon ganz gute, nicht nur Spielzeuge, durchaus in normalen Kaufhäusern oder in Elektronikmärkten zu kaufen. Das ist heute völlig unüblich. Auch viele der kleinen Musikgeschäfte sind verschwunden. Um das Roland testen und kaufen zu können, war eine weite Autofahrt nötig. Vielleicht haben deshalb viele auch gar nicht mehr mitbekommen, welch grosse Fortschritte die Keyboards gemacht haben.

Christian
Re: Elektronisches Keyboard - ein Instrument zweiter Klasse? 
von Achim D. - Dienstag, 8 Mai 2012, 14:04
Das Hauptproblem bei den Keyboards sind die Styles. Irgendwann werden sie langweilig und man steht vor der Frage, ob man weiteres Geld investieren soll, um neue Styles zu kaufen. Zumindest bei Yamaha kann man ein Vermögen dabei loswerden. Styles sind teuer!

Ich selbst habe mit dem Keyboard angefangen zu spielen. Aus heutiger Sicht war es für mich ein "Einstiegsinstrument" auf dem Weg zum Klavierspiel. Mittlerweile spiele ich fast nur noch Klavier, habe seit ca. 1 1/2 Jahren Klavierunterricht und spiele am liebsten zu den Originalmusikstücken. Wenn ich eine andere Begleitung brauche, erstelle ich sie mir mit BandInABox.

Durch die Gewöhnung an die vollgewichtete Klaviertastatur (Ich möchte sie nicht mehr missen!!), kann ich mit dem Keyboard eigentlich nur noch relativ wenig anfangen. Das Keyboard, wenn ich etwas darauf spielen möchte, wird vom Klavier über die Midischnittstelle ferngesteuert.
Re: Elektronisches Keyboard - ein Instrument zweiter Klasse? 
von Christian K. - Dienstag, 8 Mai 2012, 14:39
Hallo!

Man kann bei vielen Keyboards auch selbst neue Styles erstellen.
Das habe ich auf dem Roland auch schon gemacht. Es ist nicht einfach, einen guten Style zu produzieren, aber es ist ein interessantes Betätigungsfeld.

Christian
Re: Elektronisches Keyboard - ein Instrument zweiter Klasse? 
von Evelin M. - Donnerstag, 24 Mai 2012, 22:09
Ich habe gestern zum Geburtstag ein Keyboard bekommen. So hab ich mich im Internet auf die Suche gemacht nach einem "gscheiten" Forum, wo man Hilfe erhalten kann. Die Beiträge in diesem Forum sind so erfrischend, dass ich mich ganz spontan angemeldet hab. Eine ganz ungewohnte Situation in einem Forum: jeder schreibt seine Meinung, und keiner macht einen anderen nieder. Ich freue mich, hier zu sein. lächelnd
Re: Elektronisches Keyboard - ein Instrument zweiter Klasse? 
von Bernd G S. - Freitag, 25 Mai 2012, 08:41
Wir freuen uns, dass du hier bist, Evelin ...

Herzlich Willkommen!
Re: Elektronisches Keyboard - ein Instrument zweiter Klasse? 
von Maik J. - Sonntag, 12 August 2012, 14:59
Auch wenn ich nun schon lange immer mal wieder hier in Forum unterwegs bin, habe ich mich erst jetzt entschlossen mal zu diesen Topic meinen Senf dazu zu geben.

Zum einen finde ich den Vergleich zwischen PKW und Formal 1 Lizenz schon unglücklich. Für mich gilt da eher PKW gegen LKW Führerschein. Ein LKW Fahrer kann sicher auch einen PKW bewegen jedoch nicht unbedingt umgekehrt bzw. nicht so geschickt... Der Vergleich zur Formal 1 würde das Klavier dann doch als was besseres heraus stellen.

Ich mag das Klavier sehr der klang, das Volumen, die Möglichkeiten Stimmungen zu erzeugen...
ABER
Das Keyboard steht dem Klavier in NICHTS nach.
Wir haben weniger Tasten? Das stimmt schon lange nicht mehr. Neben vielen 61er Tastaturen gibt es mittlerweile auch genug Ableger mit 88er gewichteten Tasten, als Beispiel mal das Korg PA 588.
Da haben wir dann 88 Tasten und gefühlte 500 Funktionen die auch beherrscht werden wollen.
Wir müssen mit den fingern weniger arbeiten? Gut die Linke hand wirkt auf den ersten Blick wirklich unterbeschäftigt. Wenn dann aber Pads, Effekte, Übergänge, Wechsel der Instrumente zu- und abschalten von zweit- oder dritt- klängen ins Spiel kommen, sieht es schon nicht mehr so harmlos aus. Ach und wer sagt denn das wir nicht mit zehn Fingern spielen dürfen? Wir können ja zwei Keyboards miteinander verbinden und auf beiden „arbeiten“.

Ein reiner Pianist wird beim ersten einschalten eines Modernen Entertainer Keyboards mit Funktionen erschlagen und seine ersten Stücke die er MIT Begleitautomatik spielen soll, werden vermutlich ein ähnliches Fiasko als wenn wir zum ersten mal versuchen Mondscheinsonate 2. Satz zu spielen. Bis er die Funktionen alle so weit in griff hat um mit Effekten Pads tempi wechseln betonungen von einzelnen Passagen usw. ein Stück Entertainer gerecht zu spielen, also auf hohen Niveau, bis dahin haben wir auch fast den zweiten Satz von der Mondscheinsonate drin.

Wann immer ein Klavierspieler sagt Keyboard sei Spielerei den verweise ich auf YouTube und er möge da mal ein wenig schauen was Keyboarder dort so alles abliefern. Es gibt sicher mit Beethoven und Mozart begnadete Pianisten und Komponisten, der Name Jean Michael Jarre, Jan Hammer oder Toni Banks sind nun auch keine ganz unbekannten. Wenn auch nicht so alt.

Wir sind nicht das schwächere oder schlechtere Instrument wird sind wenn beherrscht mindestens Ebenbürtig. Ein Profi Keyboarder der nie Klavier gespielt hat, kann einen Profi Pianisten klanglich sicher das ein oder andere sogar noch vormachen. Er hat in Vergleich zum Klavier viel mehr Möglichkeiten.